5 Dinge | wie mein Auslandsaufenthalt meine Schreiberei beeinflusst (hat)

Nach neun Monaten Schottland bin ich seit Juni wieder in Deutschland. Meine Zeit dort ließ mich nach meiner Rückkehr nicht nur stets zuerst auf die falsche Seite schauen, wenn ich Straßen überqueren wollte – es hat auch meine Schreiberei beeinflusst.


Nummer 1 | Die Sprachen

Klar, dass Englisch in Schottland gesprochen wird, dürfte die wenigsten überraschen. Den meisten dürfte auch geläufig sein, dass dieses schottische Englisch anders klingt als das – ähm – englische Englisch. (Wer daran Interesse hat, schaut sich mal Szenen der Serie Outlander auf Englisch an.)

In einigen Teilen Schottlands wird auch heute noch Gälisch gesprochen und Beschilderungen sind dort zweisprachig.

Als Nicht-Muttersprachler im Ausland bekommt Sprache eine neue Dimension. Mein Englisch ist – ohne abzuheben – sehr gut. Trotzdem wird man als Nicht-Muttersprachler in einigen Situationen entlarvt: seien es Sprichwörter, Dialekte oder Akzente.

Was bedeutet es, wenn ich als Fremder durch Sprache erkannt werde?

Wie wichtig ist Sprache? Wie wichtig ist sie für das Gefühl, zu Hause zu sein?

Diese Erfahrungen fließen auch in meine aktuellen Geschichten ein. Besonders bei »Die Panazee des Todes« plane ich, in einigen Situationen auch die Sprache der jeweiligen Figuren, Gruppen und sozialen Schichten ins Zentrum zu stellen.

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Nummer 2 | Das Studium

Ja, es war nicht nur Urlaub und Fun. Ich habe dort – entgegen des ERASMUS-Klischees – tatsächlich studiert. Besonders zwei Seminare haben nachhaltigen Einfluss auf meine Schreiberei: Das eine hieß Communities in America, das andere handelte von der schottischen Geschichte.

Bei ersterem stellte das Konzept Essen die Bedeutung davon für Gemeinschaften in ein neues Licht. Nahrung ist eben nicht nur Nahrung. Wie, was, wo, mit wem gegessen wird, sieht in verschiedenen Kulturen, Gruppen und Zeiten völlig unterschiedlich aus. Und meistens kann viel über eine Gesellschaft über deren Traditionen bezüglich der Nahrungsaufnahme herausgefunden werden.

Was läge also näher, als auch das in Geschichten einfließen zu lassen?

Die schottische Geschichte bietet viel Stoff für Zoff, Unabhängigkeit und Abhängigkeit, politisch, wirtschaftlich und religiös. Besonders die Zeit um 1707, die Zeit, in der Schottland und England auf Grundlage des Act of Union vereinigt wurden, beeinflusste einige Familienhintergründe in meinen Stories.

Nummer 3 | Die Highlands

Magisch. Während ich dort am Ufer saß, rechnete ich fest damit, einen Drachen über die Wipfel der Berge gleiten zu sehen. Oder ein Einhorn zwischen den Bäumen zu erblicken.

Nicht umsonst befinden sich Drehorte zu verschiedenen Harry Potter Filmen in den schottischen Highlands.

Nicht nur die Landschaft lädt zum Träumen ein, auch die Atmosphäre – so still und abgelegen – begleitete mich oft bis auf meine (virtuellen) Papiere.

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Nummer 4 | Die Reiselust

Ich konnte es kaum erwarten, nach Schottland zu gehen.

Schon seit meinem ersten Semester ging ich in Informationsveranstaltungen, obwohl ich wusste, dass ich noch nicht ins Ausland gehen würde. Okay, mein Zielland hat sich zwischenzeitlich verändert. Aber das Gefühl, aufzubrechen, die Welt zu erkunden und eine fremde Sprache zu sprechen, all das war kurz vor meinem Aufbruch so wie in diesem ersten Moment, als ich das Info-Blatt über die verschiedenen Partnerländer des ERASMUS-Programms in den Händen gehalten hatte.

Dieses Fernweh, das Gefühl, das einen wegzieht, hinaus in die Welt. Diese Reiselust packt mich immer wieder – immer noch, auch nach meinem Aufenthalt. Und das ist gut so, finde ich. Denn nur wer losgeht, kommt an und nur wer reist, entdeckt auch sein Zuhause neu, wie ich denke.

Auch in »Die Panazee des Todes«, meinem Fantasy-Roman, geht der Protagonist auf eine (unfreiwillige) Reise. Neben dem Hauptproblem, nämlich der Verhaftung nahestehender Personen, treibt ihn eine Sehnsucht nach mehr, nach der Welt, nach Antworten – aber gleichzeitig fürchtet er sich davor. Es ist oft einfacher nur von großen Abenteuern zu träumen, statt den Schritt in die weite Welt zu wagen.

Diese Gefühle, der Unterschied zwischen Planung und Realität sowie Erwartungen, Enttäuschungen und Freude haben also nicht nur in meinem Auslandsjahr eine Rolle gespielt.

Nummer 5 | Identität und Zuhause

Während ich in Schottland wohnte, lebte und studierte, lernte ich auch das Gefühl, das einen nach Hause zieht, neu kennen.

Aber was ist, wenn es dieses Zuhause, nach dem man sich sehnt, nicht mehr gibt?

Ich dachte und denke viel über meine Charaktere nach. Besonders dieses »Wo ist man zu Hause? Und wann? Und was, wenn man nicht mehr zurückkann?« beschäftigte mich sehr in Schottland.

In beiden Geschichten, an denen ich aktuell arbeite, geht es auch um diese Thematik.

In »Die Panazee des Todes« wird das Zuhause des Protagonisten zerstört. Aber erst nach und nach wird er sich über die Auswüchse bewusst. Was ist überhaupt ein Zuhause? Ist das nur ein Ort? Sind es die Personen an einem Ort? Oder können auch nur Personen ein Zuhause sein?

In »Was wir sind«, einer Geschichte über Freundschaft, Liebe und Familie, sehnt sich der Protagonist nach einem Zuhause, das es nicht (mehr) gibt: nämlich seiner glücklich vereinten Familie. Dazu muss er sich mit der Zukunft herumplagen, denn er steht vor dem Schulabschluss. Während seine Freunde schon Pläne haben, bröckelt dazu sein Weltbild, denn das arrogante Klassenass, das bereits seine eigene Firma leitet, ist und bleibt zwar ein arroganter Arsch, aber ansonsten ist vieles ganz anders, als er bisher wahrgenommen hatte.

Wer bin ich? Was glauben andere, wer ich bin und was denke ich selbst? Und was ist, wenn ich nicht mehr derjenige bin, der ich einmal war?

Macht mich mein Zuhause zu dem, der ich bin? Und was, wenn ich es verliere? Was bleibt?


Seit Anfang Juni bin ich wieder zu Hause. Obwohl sich in meiner Abwesenheit einiges verändert hat, fühle ich mich angekommen. Vieles ist (noch) in Bewegung. Umzüge stehen an, neue Herausforderungen und die Frage, wohin es mich auf lange Sicht hin verschlägt.

Aber wie auch bei meinen Protagonisten kratze ich meinen Mut zusammen und meine Hoffnungen und sehe dem gespannt entgegen.