Erinnerung | Kapitel 1

Frühling, 2008

»Juli? Hey, Julian!«

Draußen schien die Sonne und sie saßen trotzdem in dem kleinen Laden, wo Staub in den Strahlen tanzte. An den Wänden standen Regale, die sich unter den Gewichten von Spielkartons, Figuren und Mangas bogen. Neben dem Verkaufstresen hockten sie an einem wackeligen Tisch. Das Radio dudelte vor sich hin und erfüllte den Raum mit Popmusik, die dann den Nachrichten wich.

Johanna wedelte mit ihren Spielkarten auf der Hand vor dem Gesicht ihres Gegenübers herum und verzog ihre Schnute zu einem Grinsen.

»Hör auf zu träumen oder ich feg dich weg, Alter! Du bist dran!«

Der Junge blinzelte und fuhr sich durch sein blaues Haar, das ihm sofort wieder in die Augen fiel.

»Warte. Hör mal«, murmelte er, während er das Radio anstarrte und dann die Nachrichtensprecherin lauter drehte.

»– dementierte die Kaiser Corporation, Maximilian Kaiser hätte einen Abschiedsbrief hinterlassen. Es heißt, er werde seit gestern Abend vermisst. Silas Kaiser stand für keinen Kommentar zur Verfügung. Die Polizei schließt eine Entführung nicht aus.«

»Oh«, machte Johanna und atmete zwischen den Zähnen aus. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte, während sie der Meldung lauschte.

Julis Blick schweifte in die Ferne, aus dem Laden, durch das Fenster, als könnte er dort eine Antwort finden auf eine Frage, die er nicht stellte.

Johanna betrachtete ihn und seufzte.

»Juli, wenn du keine Lust mehr hast zu spie-«

»Glaubst du, dass der Mensch gut ist oder böse?«

Johanna blinzelte.

»Äh –«

Sie diskutierte leidenschaftlich über die neuesten Games auf dem Markt, wusste die Preise jeder Figur im Laden und könnte in zehn Minuten eine Karikatur von Kaiser kritzeln, die in jeder Zeitung hätte abgedruckt werden können, aber sie war wirklich nicht der richtige Ansprechpartner für philosophische Fragen.

Juli erwiderte ihren Blick mit einer untypischen Beharrlichkeit, die ihn unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen ließ. Sie fühlte sich, als säße sie in einer mündlichen Prüfung. Dann wurde Julis Blick sanft.

»Ich meine«, fuhr er fort, runzelte die Stirn und stützte ihr Kinn auf die Hand, während sie mit der anderen ihre Spielkarten hielt. »Warum machen Menschen so etwas? Kinder entführen? Jemanden umbringen und –«

»Hey! Komm mal runter!«, fuhr Johanna dazwischen und blies sich eine blonde Franse ihres Ponys aus dem Gesicht. »So’n negativer Scheiß passt nicht zu dir! Wahrscheinlich kommt Maximilian total gesund heut Abend zurück und hat nur bei nem Kumpel gepennt. Hätt‘ ich so’n Geldsack als großen Bruder, würd ich auch ab’n zu abhaun’n«, murmelte sie.

»Johanna!«

Juli schaffte es, ihr mit einem Blick ein schlechtes Gewissen zu verpassen. Seine Augen wirkten viel zu unschuldig für einen Sechzehnjährigen und er schob seinen Mund vor, als wäre er mehr beleidigt, als empört.

»Ist doch wahr«, brummte Johanna und wich trotz ihrer Aussage Julis Blick aus.

Mit einem Seufzen zog Juli eine Karte vom Stapel und machte seinen Zug. Musik spielte erneut aus den Boxen, aber die Worte der Nachrichten hingen zwischen ihnen wie Spinnweben.

»Sag mal. Was denkst du?«, wollte Johanna nach ein paar Minuten wissen, in denen Juli schwieg.

»Ich mein – was denkst du wegen – sind Menschen gut oder böse?«, spezifizierte sie ihre Frage und legte eine Karte ab.

Sie beobachtete Juli, der eine Karte vom Stapel zog, sie zu denen auf der Hand sortierte, während er auf seiner Unterlippe herumkaute und dann langsam aufsah. Seine Augen wirkten riesig, wie die eines Rehs und gaben Wärme ab, wie der Schein einer Kerze.

»Ich glaube trotz allem an das Gute im Menschen«, sagte er und lächelte.

 


Frühling, 2016

Johanna Welling starrt das Handy in ihren Händen an, als habe sie vergessen, was sie damit anfangen soll, dann läuft ein Ruck durch ihren Arm und sie nimmt den Anruf an. Das sture Piepsen und Vibrieren verstummt, doch schon im nächsten Moment knurrt eine Stimme in ihr Ohr.

»Wo steckst du? Bist du schon wieder bei dem –?«

»Reg dich ab, Tris«, brummt Johanna Welling in den Hörer und verdreht genervt die Augen, obwohl ihr Kumpel das nicht sehen kann – vielleicht auch gerade deswegen.

»Du hast’s aber mitbekommen, oder?«, raunt Tristan. »Die Nachrichten. Sie haben –«

»Ich weiß, ich weiß «, murmelt Johanna und reibt sich über die Augen, als könne sie damit die Müdigkeit aus den Winkeln vertreiben, die nichts mit Schlaf zu tun hat. Es ist die Art Müdigkeit, die die Glieder befällt, wenn das Gewicht der Welt auf sie drückt.

»Ich hab die ganzen Jahre gedacht, dass Juli eines Tages wieder an die Tür klopft. Dass das Ganze nur ein beschissenes Spiel ist. Dass sie –«

Tristans Stimme verliert sich.

Johanna schweigt und schaut von der Küche aus dem Fenster. Die Sonne scheint, die Blühten der Krokusse strecken ihre Fühler aus und durchbrechen das Braun der Erde mit lila-weißen Köpfen. Solche Tage passen nicht zu Gedanken an Mord.

»Glaubst du«, Tris räuspert sich, als habe er sich verschluckt, »Peter Kaltner hat ihn echt – also –«

Sie wispert, als schrecke er sonst etwas auf, als rüttele er an einem Gerüst, das mit den falschen Worten ineinander breche.

Johanna kneift die Augen zusammen.

Julis Lachen hallt in seinem Hinterkopf. Vor einer Flut innerer Bilder strahlen ihre Augen.

Johanna stützt sich auf dem Küchentresen ab.

Ich glaube trotz allem an das Gute im Menschen.

Und atmet tief durch.

»Ich weiß es nicht«, flüstert sie.

Sie schweigen, während jeder in seinen Gedanken verstrickt ist und irgendwann verabschiedet sich Tris mit den Worten »Muss arbeiten«.

Johanna seufzt, lässt das Phone in ihre Hosentasche gleiten und schlendert durch die Küche, nimmt sich einen Apfel aus der Obstschale, beißt hinein, verzieht den Mund, schnappt sich stattdessen einen Schokoriegel aus dem Regal, während sie Richtung Flur zieht, um ihre Jacke über den Arm zu schmeißen.

Sie lässt Kaisers Villa hinter sich, fährt an Herrenhäusern mit englischen Gärten und Gärtnern vorbei, bis sie in die Innenstadt abbiegt und sich mit seinem Kleinwagen durch den Stadtverkehr schlängelt.

Statt durch einen Garten, von Gärtnern bepflanzt, schlendert sie eine Viertelstunde später durch eine Anlage mit angesprayter Parkbank, der die Rückenlehne fehlt. Ein kränklicher Baum verliert sich zwischen Abfalltonnen und Autos, denen die Zulassung mangelt. Knospen sprießen an den Zweigen. In einer Astgabelung hängt eine Bierdose. Johanna wundert sich über solche Dinge schon lange nicht mehr. Stattdessen kramt sie nach seinem Schlüssel und schließt die Eingangstür zu ihrem Wohnblock auf. An die Tür hat jemand »Scheiss Fluschtlinge« geschrieben. Mit einem Schnauben tritt Johanna ein.

Im obersten Stockwerk öffnet sie die Tür, pfeffert ihre Jacke in die Ecke, zieht ihre Schuhe aus und lässt sie unterwegs liegen, während sie Richtung Bad stiefelt.

Sie fühlt sich schmutzig, als habe ihr jemand einen Eimer Dreck übergeschüttet, obwohl sie morgens schon geduscht hat. Als hafte ein Gestank an ihr, den sie nicht loswird. Mit jedem Gedanken an Julis Lachen, drängen Bilder dazwischen, wie er wohl gefunden worden ist. Allein, verletzt, tot.

Gänsehaut überzieht Johannas Arme und breitet sich bis in die Zehen aus. Kälte durchdringt ihren Körper, während sie ihren Pullover über den Kopf zieht und vor der Badtür fallen lässt, die Jeans folgt. Sie stellt das Wasser der Dusche viel zu heiß, nur um die Kälte, die sie befällt, loszuwerden, reibt sich ein mit irgendwelchen Duschgels, um den Geruch von Blut und Erde und Verwesung zu vertreiben.

Das heiße Wasser prasselt auf sie nieder, aber sie spürt nur die Kälte.

»Meine Güte, Johanna! Hier ist es ja unerträglich heiß drin!«, nörgelt eine Frauenstimme, betritt das Bad ohne anzuklopfen und dreht den Wasserhahn auf. »Hey, benutzt du wieder mein Duschgel?«

Johanna verdreht die Augen, antwortet nicht, während der Wasserstrahl auf ihr Genick trifft und sie den Dampf auf der Haut spürt.

Mit einem Ruck reißt jemand den Duschvorhang zurück.

»Mai«, brummt Johanna und fährt sich durch ihr nasses Haar.

»Wie lange duschst du schon? Ich bin vor einer dreiviertel Stunde gekommen und –«

»Mai, ich dusche

»Ja, das sehe ich, Schätzchen.«

Ihr Blick geistert über ihren Körper ohne mit der Wimper zu zucken.

»Es wird kalt.«

»Ja, das sehe ich auch«, bemerkt sie süffisant und hebt die Augenbrauen.

Sie seufzt.

»Lass mich mit runter oder geh mal endlich raus! Ich hab mir nach dem langen Tag eine warme Dusche verdient. Und danach können wir schön was zusammen essen. Ich hab –«

»Ich muss los«, brummt sie und steigt vor ihrer Nase aus der Duschkabine, schnappt sich ein Handtuch und trocknet sich ab.

»Herr Müting wartet sonst im Laden auf mich. Ich bin schon spät dran.«

Sie spürt ihren Blick, der ihren Rücken verbrennt, aber sie dreht sich nicht um, rubbelt sich stattdessen das Haar trocken und lauscht dem Geräusch des Wassers, das hinter dem Duschvorhang auf Fließen fällt.

»Johanna«, beginnt Mai und der sanfte Ton lässt sie doch aufblicken, »egal was, ich bin da, okay?«

Sie schaut sie einen Moment an, wie sie einfach da in BH und Slip steht und ihre Augen nichts Anderes als Wärme spiegeln, trotz ihres groben Auftretens. Ihre Hand ruht auf Johannas Schulter.

»Du hast’s also doch gehört«, nuschelt sie.

»Schätzchen, jeder in Ludwigsberg wird es mitbekommen haben.«

Sie nickt, aber weicht ihrem Blick aus, dann macht sie einen Schritt Richtung Tür und Mais Hand fällt von ihrer Schulter.

»Weißt du«, meint Mai, als sie schon fast aus dem Zimmer ist, »es ist okay zu weinen.«

»Ich hab nicht geweint«, erwidert Johanna sofort, ihre Hand umklammert den Türgriff, als brauche sie ihn zum Stehen.

»Ich weiß«, entgegnet Mai sanft. Johanna verlässt ohne ein weiteres Wort und nur mit einem Handtuch um die Hüfte das Bad.

Eine Viertelstunde später steht sie volllbekleidet mit Jacke und Rucksack über einer Schulter vor einem zweigeschossigen Gebäude in der Innenstadt, das auf den ersten Blick den Eindruck macht, als werde es sich nie verändern. Bei näherer Betrachtung sind die bröckelnde Fassade und der Riss in der Schaufensterscheibe ersichtlich, wie Falten, die sich unerwartet in einem vertrauten Gesicht zeigen.

Über der Tür verkünden die Buchstaben »GAME«, dass es sich um einen Spielladen handelt.

Als Johanna die Tür aufdrückt, zieht sie Klingel die Aufmerksamkeit auf sie und ein älterer Mann mit Bart schaut hinter dem Verkaufstresen auf.

»Sorry für die Verspätung«, nuschelt Johanna, doch der Mann winkt ab. Tiefe Falten graben sich um seinen Mund und die Augen. Seine Augenlider öffnet er nur halb, als leide er unter jahrelangem Schlafmangel.

»Ben ist hinten, oder?«, fragt Johanna, doch Herr Müting antwortet nicht, stattdessen starrt er auf eine Spielfigur, die er in seinen Händen hin und her dreht. Es ist ein Magier mit blauem Gewand.

Johanna schluckt und reißt ihren Blick los, ehe sie in den Lagerraum hastet.

An den Wänden stehen Regale, in denen sich Spiele stapeln, Figuren und Magazine. Staub macht die Luft schwer und fliegt in den Sonnenstrahlen, die sich durch ein rundes Fenster drängeln.

»Johanna! Da bist du ja!«

Mit Spielkartons vor der Brust tritt ein junger Mann zwischen zwei Regalen hervor, der seinen weißblonden Pony aus den Augen pustet, und zeigt auf einen riesigen Karton, der noch in Plastik gehüllt, aber geöffnet ist. Darin befinden sich tragbare Spielekonsolen und Brillen.

»Die neue Bestellung ist schon gekommen.«

Johannas Blick wandert über Benjamin, der ihr einige Spiele in die Arme drückt. Die langen Fransen seines Ponys verdecken seine linke Gesichtshälfte, sein Haar fällt bis über die Schultern, doch dort, wo der hohe Rollkragen endet, schlängeln sich Verbrennungsnarben. Johanna wendet verlegen ihren Blick ab.

»Gut, ich mach dann mal«, murmelt sie und beginnt die Spiele in den Verkaufsraum zu tragen, wo sie sie in einer abschließbaren Vitrine ausstellt, dabei bleiben ihre Augen auf dem Hersteller kleben. Das Emblem der Kaiser Corporation lässt sie die Lippen kräuseln.

»Verdammter Arsch«, nuschelt sie vor sich her, »ist einfach überall.«

»Alles okay, Johanna? Du hast so lange –«

Sie fährt herum.

Benjamin betrachtet sie mit hochgezogenen Brauen, während er mit weiteren Spielkonsolen hinter ihr wartet.

»Weißt du, du kannst auch frei machen. Heute – ist eh nicht viel los, ich meine – wegen –«

»Nein«, fährt Johanna ihm zwischen ihre Worte und funkelt ihn an. Sie will es nicht hören. Ihr Blick fällt auf Herrn Müting, der an die Decke starrt, zwischen den Händen die Spielfigur, als bete er.

»Es ist alles okay«, behauptet Johanna gefasster, dreht sich wieder um und stapelt die Verpackungen der Spielkonsolen übereinander. Dann eilt sie erneut in die Lagerkammer, wo sie tief durchatmet und nach den nächsten Kartons greift, doch noch bevor sie sie mit den Fingern erreicht, zieht sie ihre Hände zurück und greift stattdessen nach einem Stapel Karten. ElementLegends steht auf den Verpackungen.

Sie reißt das Kartenpack auf und erstarrt und starrt die Bilder an, bis sie bemerkt, dass es Erinnerungen sind.

»Johanna?«

Benjamins Ton klingt nach einer Frage, die Johanna nicht hören will. Sie dreht sich nicht um, wendet ihm nicht einmal das Gesicht zu. Benjamin räuspert sich. Sie hört, wie ser Schritte macht und dann legt sich eine Hand auf ihre Schulter. Johanna zuckt zusammen und Benjamin zieht seine Finger zurück.

»Vielleicht«, flüstert er, »ist es sogar besser so.«

»Was?«, fragt Johanna scharf und funkelt ihn von unten her an.

»Dass er jetzt gefunden wurde. Vielleicht können wir so damit abschließen. Erst wenn die Wunde –«

»Erzähl keinen Scheiß«, knurrt sie, doch im selben Augenblick beißt sie sich auf die Lippe.

»Sorry, Ben, ich mein – gerade du – und –«

Stille tanzt zwischen ihnen wie der Staub und macht die Luft schwer.

Johannas Finger umklammern die Karten und ihre Augen sind auf die Bilder gerichtet, doch sie sieht Juli vor sich, wie er Karten gemischt und ausgeteilt und gezogen und gelacht hat, wie er ihr die Regeln erklärt und immer und immer wieder mit ihr gespielt hat. Obwohl sie ständig gegen ihn verloren hat, erinnert sie sich an kein Wort der Schadenfreude. Juli ist immer viel zu freundlich gewesen. Er hätte niemals jemandem absichtlich wehgetan.

»Es war ein Unfall«, erwidert Benjamin langsam, doch seine Stimme klingt dumpf, als spreche er etwas aus, das er sich selbst viel zu oft vorgesagt hat.

»Glaubst du, Kaltner steckt wirklich mit drin in der ganzen Sache?«, wispert Benjamin nach einem Moment und Johanna fährt sich durch ihre blonde Mähne.

»Vielleicht, aber Kaltner würde nicht einmal einsitzen, wenn die Polizei fotografieren könnte, wie er dabei ist und Juli grade – wenn ich an die Sache mit Maximilian –«, sie verstummt, obwohl ihr nach Schreien zu Mute ist. Sie ballt ihre Hand um die Karten zwischen ihren Fingern.

»Wenigstens hat die Ungewissheit ein Ende, wo er ist«, behauptet Benjamin.

Johanna schnaubt, weiß nicht, ob Benjamin Juli oder Maximilian meint, aber fragt nicht nach.

Als stille das den Schmerz, dieses Gefühl in ihrer Brust, das sie etwas verloren hat, das nie wieder gefunden werden könne. Als wäre die Gewissheit besser. Als wäre die Erinnerung wertvoller als die Möglichkeit, Juli würde zurückkomme, dass alles nur ein riesiger Irrtum wäre.

Doch dann nickt sie, um das Gespräch zu beenden. Benjamin lässt sie.

Gegen Abend schiebt Johanna ihren Kopf in den Verkaufsraum. Benjamin wiegt gerade das Münzgeld und füllt danach die Kasse.

Das Schild an der Tür ist bereits auf »geschlossen« gedreht, die Rollläden herunter gelassen.

»Ich bin fertig«, erklärte Benjamin, den Kassenschieber unter dem Arm. Johanna nickt und wirft einen Blick Richtung Treppe, die in den ersten Stock, zu den Privaträumen der Familie führt. Früher ist sie öfters dort oben gewesen als hier unter.

»Wenn du willst, kann ich Herrn Müting Bescheid geben und –«, beginnt Benjamin zögerlich, doch Johanna schüttelt ihren Kopf.

»Nein, mach ich schon, keine Sache.«

Während sich Benjamin auf den Heimweg begibt, schlurft Johanna die Treppe nach oben. Es riecht so, wie damals, nach Holz und der Beteuerung hier immer wieder die neuesten Spiele auszuprobieren.

Sie atmet tief durch. In ihrem Magen wühlt Übelkeit.

Die Räume erzählen von Übernachtungen, in denen kein Auge geschlossen worden war, Gespräche, deren Wortlaut niemals jemand hören würde und Versprechen, die gebrochen worden sind.

»Herr Müting?«

Ihre Stimme krächzt, als habe sie nicht genug getrunken.

»Herr Müting, ich schließe den Laden für –«

Sie lässt den Satz unbeendet.

Julis Zimmertür steht einen Spalt auf. Sie schiebt die Tür weiter und linst hinein, kneift die Augen zusammen, als könne sie so das Lachen von Juli wahrnehmen oder sein Rufen.

»Johanna! Guck mal! Ich hab die neue Karte von –«

Sie schüttelt den Kopf.

Mitten im Raum steht nicht Juli, sondern sein Großvater. Er wirkt verloren. In seinen Händen zwirbelt er die Spielfigur, als biete sie ihm Halt. Sein Blick springt zwischen dem gemachten Bett, den Regalen voller Bücher und Spiele und dem Schrank, dem Schreibtisch, auf dem Spielfiguren stehen, hin und her. Es wirkt, als habe Juli den Raum erst vorhin verlassen.

»Er wird nie wieder hier drin –«, der Satz verliert sich zwischen einem trockenen Schluchzer. Herr Müting dreht sich nicht um, er schaut aus dem Fenster. Seine Schultern beben.

»Seine –«, er bringt das Wort Leiche nicht über die Lippen, »er liegt im gerichtsmedizinischen Institut in Ludwigsberg. Mein Juli.«

In Johannas Kopf tauchen Fragen auf, die in solchen Situationen gestellt werden. Aber welche Fragen werden in solchen Situationen gestellt?

»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie etwas? Wie geht es Ihnen?«

Johanna fragt nicht, stattdessen teilt sie das Schweigen mit Julis Großvater, atmet die Luft des Raumes ein, in dem Juli für sie auf ewig präsent sein würde. Sie schließt einen Moment lang die Augen und glaubt, Julis Schritte zu hören. Im nächsten Moment würde er die Tür öffnen und sie zu einem Spiel herausfordern.

Johanna schlägt die Augen auf.

Niemand öffnet die Tür.

 

Eine Woche später steht sie in einem geborgten Anzug mitten unter Menschen mit betroffenen Mienen um ein ausgehobenes Grab. Das Schwarz der Kleidung der Menschen kontrastiert mit dem zarten Grün des Frühlings und der Farbenpracht der Blüten. Die Sonne strahlt und wärmt. Johannas Hemd kratzt, die Hose zwickt und das Schluchzen dieser Frau rechts hinter ihr, die sie nicht einmal einordnen kann, raubt ihr den letzten Nerv.

»Alter«, brummt Tris von links, »hör auf damit!«

»Es juckt«, zischt Johanna ihm entgegen und kratzt sich am Oberschenkel. Mai schnäuzt sich, um ihr Lachen zu ersticken.

Jemand jammert leise vor sich her und schnäuzt die Nase.

Der Pfarrer erzählt, wie traurig der Verlust ist.

»Hast du Flöhe, oder was?«, spöttelt Tris von der Seite und Johannas Blick versenkt sich in seinem, doch ehe sie ihm Konter geben kann, verpasst ihnen jemand von hinten einen Klaps auf den Hinterkopf.

»Leute!«, knurrt eine Stimme dabei. »Ihr seid nicht mehr in der Mittelstufe!«

»Ist ja gut«, wispert Tris und reibt sich wehleidig seinen Kopf.

Johanna wirft einen düsteren Blick zurück.

Dorothea hat sich kaum verändert, obwohl sie sie zuletzt vor fünf Jahren gesehen hat. Ihr braunes Haar trägt sie etwas länger und sie ist ein Stück größer, doch das sind nur Oberflächlichkeiten. In ihren blauen Augen schwimmen Tränen, aber auf ihrer Zunge liegen Worte, die Johanna und Tristan sofort zum Schweigen bringen können. Dabei reicht dafür meistens schon ein Blick.

Mai lehnt sich zu ihnen und zwinkert ihnen hinter Dorothea zu.

Der Pfarrer erzählt, wie schön es war, Juli zu kennen.

Johanna schnaubt und schaut sich um.

Wer von diesen Menschen hat Juli schon wirklich gekannt?

Tris, Dorothea, Mai und sie selbst. Julis Großvater und –

»Wo ist eigentlich Benjamin?«, raunt Johanna und Tris horcht auf.

Es ist keine Seltenheit, dass Benjamin in der Menge nicht auffällt, seine Zurückhaltung und Schweigsamkeit lassen über ihn hinwegblicken, doch sein weißblondes Haar sticht gewöhnlich aus der Masse hervor. Johanna entdeckt ihn nicht.

»Mh, seltsam«, murmelt Tris.

Der Pfarrer erzählt, wie viel Freude Juli in das Leben so vieler gebracht hat.

Julis Großvater hält sich auf den Beinen.

Johannas Blick wandert weiter und ihr Rücken versteift sich, als sie ihn entdeckt.

Gegenüber, hinter der Menschenmenge, lehnt ein hochgewachsener Mann an einem Baum und beobachtet. Sein weißer Mantel sticht zwischen dem Braun und Grau der Baumstämme hervor. Sein Kinn gereckt, seine Arme vor der Brust ineinander gefaltet, steht er da, daneben ein junger Mann mit schwarzem Schopf, der ersteren überragt.

»Was macht denn Kaiser hier?«, murrt Tris.

»Er war ebenfalls mit Juli –«, Dorothea zögert, »befreundet.«

»Befreundet«, spöttelt Tristan, »Maximilian hat ihn bestimmt hierher geschleift«, doch verstummt, als sein Blick auf Johanna fällt.

Die gibt kein Zeichen, dass sie zugehört hat, stattdessen reißt sie ihren Blick von Kaiser los und konzentriert sich auf die Rede des Pfarrers.

Irgendwann treten die Menschen nacheinander vor und werfen Blumen in das Grab. Johanna erschließt sich der Sinn nicht.

Als sie vor dem offenen Grab steht, kramt sie zwei Spielfiguren aus ihren Hosentaschen, blinzelt, wirft einen Blick zurück und wirft sie heimlich hinunter.

Juli braucht keine Blumen, er hat stets Spielfiguren bevorzugt. Das würde sich sicherlich auch nicht im Tod ändern.

»Johanna, wusstest du, dass die Niederlage in Spielen den Tod symbolisiert?«

»Echt? Komisch, Alter.«

»Mh, ja, aber wenn man drüber nachdenkt. Sag mal, hast du Angst vor dem Tod?«

»Hä? Was ist’n das für’ne bekloppte Frage? Natürlich. Jeder hat Angst vorm Tod.«

»Naja. Ich glaub, ich habe keine Angst vorm Tod.«

»Nee, ist klar, Juli.«

»Ehrlich. Ich glaub, ich hab höchstens Angst vorm Sterben.«

»Komm, Johanna«, spricht Dorothea ihm zu, »komm mit.«

Sie spürt, wie ihre Beine zittern und wie jemand einen Schluchzer loslässt. Ihre Stimme versagt ihr, also lässt sie sich von Dorothea und Tris und Mai wie in Trance vom Grab wegführen.

In dem Moment geht ein Raunen durch die Menge.

»Was zur Hö-«

Dorothea verpasst Tristan einen Rippenstoß, aber murmelt etwas, das sich nach »Dass der sich wagt, hier aufzutauchen, dieser –« anhört.

Johanna reckt ihren Kopf und erstarrt.

Ein Mann mit weinrotem Jackett und weißem Haar, das ihm bis zur Schulter reicht, schreitet zum Grab, zwei Männer im Anzug dicht hinter ihm. Eine theatralisch betroffene Mimik zur Schau stellend, wirft er eine weiße und eine korallenrote Rose hinein.

Die Menschen tuscheln. Johanna ballt ihre Hände zu Fäusten, doch Tris und Dorothea packen sie an je einer Schulter.

»Lasst mich los, Leute«, geifert sie, ihre Stimme plötzlich zurück, was ihre Freunde dazu veranlasst, ihre Griffe zu verstärken.

»Johanna, Süße, halt dich zurück«, ermahnt Mai sie, »lass dich nicht von dem –«

»Du verdammter Dreckssack!«, brüllt sie, blendet ihre Freunde aus, die seufzen und ihre Finger an die Stirn legen und sich bemühen, sie zum Schweigen zu bringen. Doch sie zeigt unverwandt mit ihrem Finger auf Peter Kaltner.

Das Raunen der Menschen schwillt an.

Die Augen von Julis Großvater weiten sich. Er öffnet den Mund, aber kein Laut tritt über seine Lippen.

»Damit kommst du nicht durch!«, schreit Johanna ohne Hemmungen. »Du wirst sehen, das wirst du bereuen! Du verdammter –«

Tristan verpasst ihr einen Stoß und sie ächzt.

»Wir treffen uns wie verabredet im Spielladen«, ordnet Dorothea durch das Getuschel der Menschen an und Tristan schleift Johanna an ihrem Kragen mit sich.

Das Letzte, das Johanna in der Menschenmenge erkennt, ist Peter Kaltners selbstzufriedenes Lächeln.

Der Spielladen ist »aufgrund privater Umstände« geschlossen, wie es ein Schild an der Eingangstür verkündet.

Johanna sitzt mit steinerner Miene in der Essecke im ersten Stock und lässt die Tirade ihrer Freunde an sich vorüberziehen, während Herr Müting schweigend seinen Kaffeetasse umklammert. Den Kuchen hat keiner angerührt.

»Was hast du dir dabei gedacht, Johanna?«

»Du bist eine verdammte Idiotin!«

»Was glaubst du, was du da von dir gegeben hast, Schätzchen?«

Dorothea steht breitbeinig und mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr, während Tristan am Küchentresen lehnt und an einem Kaffee nippt. Mai fährt sich mit einem tiefen Seufzten durch ihre blonden Locken und betrachtet sie, als sei sie ein verlorener Welpe.

»Du kannst nicht einfach solche bescheuerten Drohungen von dir geben, während die Polizei in einem Mordfall ermittelt, Johanna!«, tobt Dorothea und Johanna glaubt, dass nicht viel fehlt, damit sie mit ihren Füßen aufstampft.

Mit einem Ruck erhebt sie sich, schreitet zum Fenster, wo sie aus dem Fenster in den Garten hinter dem Laden stiert.

»Sie suchen derzeit nach allen möglichen Hinweisen und wenn du –«

»Wir wissen alle, dass der Bastard davon kommt«, flüstert Johanna, was Dorothea verstummen lässt. Sie glaubt zu spüren, wie sie und Tris und Mai hinter ihrem Rücken Blicke tauschen, aber keiner widerspricht ihr.

»Alter, ich will einfach nur noch aus dem scheiß Anzug raus«, flucht sie, drehte sich um und verschwindet aus der Küche.

Sie rauscht Richtung Bad, aber bleibt in Julis Zimmer hängen, schlägt die Tür hinter sich zu und atmet wie nach einem Sprint.

Ein Schniefen durchschneidet die Stille des Raumes.

Sie will die Person anfahren, sich endlich zusammenzureißen. In dem Augenblick bemerkt sie, dass sie alleine ist.

 


Frühling, 2008

In Julis Zimmer stapelten sich die neuesten Erscheinungen. Karten-, Brett-, Rollen- und Videospiele.

Sie hockten vor den Konsolen und zockten schon stundenlang.

Vor ihnen lagen Chipstüten und Gummibärchen und Schokolade, daneben Flaschen mit Cola und Limo. Eine Pizzaschachtel auf dem Schoß, ein Stück zwischen den Zähnen, hackte Johanna mit ihren Daumen auf den Controller ein.

»Ach, verdammt«, stöhnte sie, als auf seinem Bildschirm in fetten, roten Lettern »You lost« erschien.

»Sag mal«, begann Juli mit einem Zögern, während sie den Controller zur Seite legte und in der Gummibärchen-Packung kramte. »Nach dem Sommer – ich mein, du gehst ab und machst deine Ausbildung und Tris auch und Dorothea geht nach Amerika und ich bleibe hier und mach mein Abi und es wird alles ganz anders werden und –«

Johanna hob ihre Augenbrauen und blickte Juli von der Seite an, als der verstummte und seine Hände ineinander wrang.

Das Selbstbewusstsein, das ihn durchdrang, wenn er spielte, fiel von ihm ab wie eine Maske. Zurückblieb ein Junge, der vor Verlegenheit seinen Blick gesenkt hielt und seine Hände unter die Beine grub.

»Ich glaub, es wird richtig cool«, bemerkte Johanna und griff in einer Tüte nach Chips.

Juli kaute auf seinen Lippen.

»Ja. Vielleicht«, erwiderte er weniger überzeugt und Johanna klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken.

»Du wirst schon sehen, Juli!«

»Aber – also – wir bleiben Freunde, oder?«, wollte er wissen, ohne ihr in die Augen zu sehen.

Johanna riss ihren Mund auf, aber im ersten Moment kam kein Ton über ihre Lippen, dann fasste sie sich.

»Was? Natürlich! Für immer! Keine Sorge, Alter! Wir bleiben für immer Freunde!«

Johanna sah, wie sich ein Lächeln auf Julis Lippen ausbreitete und in ihrem Magen dehnte sich Wärme aus, die sie grinsen ließ.

»Und irgendwann, wenn du achtzig bist oder so, dann denkste an jetzt und wir lachen uns zusammen einen Ast, was wir für kleine Idioten waren.«

Julis Blick fand ihren und sie brachen zusammen in Lachen aus.

Es war eine ihrer letzten gemeinsamen Übernachtungen in Julis Zimmer.

 


Frühling, 2016

Johanna sitzt auf der Bettkante in Julis Zimmer, stützt ihren Kopf mit beiden Händen und starrt auf den Boden zwischen ihren Füßen. Die Krawatte hängt ihr nur halb um den Hals, den Hemdkragen hat sie aufgeknöpft. Als ihr Phone vibriert, zieht sie es automatisch aus der Hosentasche und drückt den Knopf.

Eine ungelesene SMS erscheint auf dem Bildschirm.

Sie öffnet sie und Kälte sticht in ihren Bauch.

»Das Spiel hat eben erst begonnen. Wer wird als nächstes verlieren? J.«

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s