Mehr als nur das Leben

Eine Kurzgeschichte zum Prompt der Woche (09.05.-15.05.16).


 

»Sie kennt dich nicht einmal«, seufzte er.

Er schaute zu seinem Lehrling hoch, dessen Schein selbst im Zwielicht glänzte. Seine Flügel schimmerten und in seinen Augen loderte Hoffnung und Zuneigung.

Er sah, wie Aran die junge Frau beobachtete, während sie lachte und mit einem jungen Mann scherzte.

»Aber ich kenne sie schon ihr Leben lang«, erwiderte Aran und balancierte das Dach entlang, ohne es zu berühren. »Ihr Humor ist Hammer. Und sie ist wunderschön. Nicht nur diese Hülle. Sondern ihr –«

»Das ist keine Liebe«, murrte Leobwin und verdrehte die Augen. »Steigere dich da nicht zu sehr hinein – auch, wenn es dein erster Auftrag ist. Denk daran, was du gelernt hast. Begleite sie, wenn es so weit ist. Kennst du nicht die Geschichte von –«

»Ja, kenne ich. Jeder kennt die«, murmelte Aran und schob seine Unterlippe vor, wie ein beleidigtes Kind. Leobwin seufzte. Sie waren alle irgendwann so gewesen – zumindest glaubte er das. Er selbst erinnerte sich nur vage daran, so egoistisch und egozentrisch gewesen zu sein.

»Dann lass es einfach«, sagte er und erhob sich.

Aran verschränkte die Arme vor der Brust und Leobwin wusste, dass Aran es nicht sein lassen würde.

Es war Punkt 16.37 Uhr an dem Mittwoch, an dem er neben Aran stand und beobachtete, wie sich ihr Geist und die Seele von ihrem Körper lösten. Letzteres fiel nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Dafür war die Einheit in der Menschenwelt verantwortlich.

»Und jetzt? Wie gehst du vor?«, fragte Leobwin seinen Schützling.

»Das hast du jetzt schon zweimal gefragt«, stöhnte Aran und verzog genervt den Mund.

Leobwin war sich sicher, dass er solche Fragen schon mehrere hunderttausend Male gestellt hatte, was machten da zwei mehr oder weniger? Immerhin musste es in Arans Schädel, der sich als besonders hart und hohl erwiesen hatte – wobei sie alle so gewesen waren irgendwann. Er glaubte es zumindest.

»Ich begleite sie und beruhige sie. Die Doppel-Bs«, murmelte Aran. »Dann erkläre ich den weiteren Prozess.«

»Und was willst du auf jeden Fall vermeiden?«, hakte Leobwin nach.

Aran schnaubte, verkreuzte die Arme hinter dem Kopf und ließ die Flügel hängen.

»Man vermeidet, den Menschen unnötig zu verwirren oder auf der Reise aufzuhalten. Es geht um sein Wohlbefinden und die angemessen zügige Aufnahme in die oberen Kreise.«

»Gut. Dann waren die letzten Jahrzehnte doch nicht so eine Zeitverschwendung, wie ich annahm«, erwiderte Leobwin trocken und trat zurück. »Denk daran, es geht um sie

Aran nickte, obwohl sich Leobwin sicher war, dass er es zwar wusste, aber nicht verstand. Sie waren alle so gewesen, als sie ihren ersten Menschen begleiteten. Zumindest glaubte er das.

Er hörte sie stammeln und Arans Federn sträubten sich, als sie ihn anschrie und dann schluchzte.

»Aber – aber ich wollte noch – und –«

»Ich weiß. Dieses Gefühl ist völlig normal, das haben wir gelernt. Also keine Panik. Der –«

»Oh Gott, das ist echt kein Traum? Ich – bin tot? So richtig? Oh Gott, ich bin –«

»Ja, also – ähm – weißt du – ja«, schloss er etwas verlegen und schaute hilfesuchend zu Leobwin, doch der nickte ihm zu. Sein Lehrling schlug sich nicht schlecht.

»Das darf nicht wahr sein, das kann einfach nicht – wer – wer bist du eigentlich?«

»Oh, ich bin Aran, ich bin dir zugeteilt, um dich abzuholen und zu begleiten. Ich habe dein ganzes Leben auf diesen Tag gewartet! Ist das nicht aufregend? Endlich ist es so weit und –«

Leobwin verdrehte die Augen. Bis jetzt zumindest.

»Ich kann noch nicht tot sein«, widersprach sie, »ich hatte erst vor einer Woche Geburtstag! Und heute – ich wollte dieses Jahr noch so viel tun! Ich wollte nach Spanien!«

Aran nickte und seufzte.

»Nach Spanien. Ja, ich wollte dir ja sagen, dass du das Geld lieber anders ausgeben solltest als für die Reise im Sommer, aber – das ist gegen die Regeln, weißt du? Sorry.«

Sie starrte ihn an und er hob seine Hände, fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum, als könnte er sie so vor einem Zusammenbruch bewahren. Als würde sie so verstehen, dass ihr Leben vorbei war, dass sie niemals nach Spanien reisen würde.

»Aber weißt du, so schlimm ist die Sache nicht. Jetzt, wo du tot bist, können wir uns endlich kennen lernen. Ich mein, ich kenn dich schon, aber du kannst mich kennen lernen. Wir können gemeinsam in die oberen Kreise aufsteigen. Ich mein – du kannst mich endlich sehen und –«

Leobwin atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen, um Arans Geschwätz sacken zu lassen, dann schaltete er sich ein, nahm die junge Frau in seine Arme und zeigte ihr all die schönen Augenblicke ihres Lebens; sie fühlte sie, hörte, schmeckte, sah. Danach ließ er sie all die wunderbaren Möglichkeiten ihrer irdischen Zukunft durchleben. Zeit floss nicht und raste. Ein Tag war ein Leben und ein Leben ein Tag.

»Das wäre schön gewesen«, sagte sie danach und lächelte. In ihrer Mimik spiegelten Ruhe und Zufriedenheit – und ein wenig Sehnsucht.

»Ja, das wäre es«, stimmte er zu und warf Aran dann einen Blick zu. »Sie ist soweit.«

Er stand hinter ihm auf dem Dach, am Horizont die Abenddämmerung. Oder war es der nächste Morgen? Seine Tage flossen ineinander. Es war schwer die künstliche Menschenzeit auf seine Realität zu beziehen.

»Ich hab’s verbockt«, murmelte Aran vor ihm und saß an den Schornstein gelehnt, das Gesicht gesenkt, schwebte nicht wie sonst ein paar Zentimeter über den Grenzen der Realitäten.

Leobwin seufzte.

»Im Anfang gab es einen Wächter. Er –«

»Oh, nicht diese Story. Ich hab’s gerafft. Ich hab’s vermasselt und –«

»Halt die Klappe und hör zu«, unterbrach Leobwin Arans Gemurmel und er verstummte tatsächlich.

»Dieser Wächter wachte über seinen Menschen jeden Augenblick von dessen Leben. Er sehnte sich jeden Moment mehr nach ihm und dem Zeitpunkt, in der sein Mensch ihn endlich kennen lernte. Wenn endlich die Grenzen ihrer Realitäten ineinander flossen und der Mensch seine Liebe erwidern würde.«

»Aber der liebte ihn nicht«, murrte Aran niedergeschlagen, »und der Wächter bekam mächtigen Ärger vom Chef.«

Leobwin brach in Lachen aus, was Aran aufschauen ließ. Er warf ihm einen finsteren Blick zu.

»Das ist nicht witzig«, behauptete er mürrisch.

»Und wie«, widersprach Leobwin mit einem Grinsen auf den Lippen. »In dieser Geschichte ging es nie um Liebe. Es ging um den Wächter und seinen Willen. Es ging um sein Begehren und seine Hoffnungen, nicht die seines Menschen. Er sah nur, seinen eigenen Anfang, aber nicht das Ende des anderen

»Ich habe sie geliebt«, murmelte Aran trotzig und ließ sich auf seinen Rücken fallen, die Flügel zu beiden Seiten gestreckt. Er verschränkte die Arme im Nacken und starrte in den Himmel. Leobwin beobachtete ihn und atmete tief ein.

»Nein, hast du nicht«, erwiderte er leise. »Aber irgendwann wirst du es, wirst deinen nächsten Menschen lieben und den übernächsten.«

Arans Blick schoss zu ihm.

»Immer wieder?«, fragte er entsetzt. »Wird es immer so sein? Liebe, Liebe, Liebe für die Menschen und was bleibt uns? Treten wir für immer auf der Stelle?«

Leobwin streckte seine Hand aus, strich über Arans Wange und lächelte angesichts seiner verblüfften Mimik. Dann schaute er in den Himmel. Es war amüsant, dass manche Menschen glaubten, ihr Himmel wäre irgendwo dort oben. Genauso, wie junge Wächter glaubten, ihr Ziel wäre es, aufzusteigen oder geliebt zu werden.

»Irgendwann wirst du verstehen, was Liebe ist«, behauptete Leobwin und legte seine Hand auf dessen Schulter.

Sie waren alle irgendwann so gewesen. Er selbst erinnerte sich noch daran.

© Jaelaki Mai 2016

Advertisements

12 Gedanken zu “Mehr als nur das Leben

  1. Pingback: Prompt der Woche (09.05.-15.05.16) | Jaelaki schreibt

  2. Als ich bemerkt habe, dass es sich um eine Geschichte mit Engeln handelte, habe ich nur gedacht: „Eh… nein…“
    Ich habe irgendwie trotzdem weitergelesen und bereue es nicht – schöne Dialoge! Flott und amüsant zu lesen, hat mir am Ende richtig gut gefallen 🙂

    Gefällt 1 Person

      • Zugegeben – ich habe einfach nur in verschiedenen Blogs nach etwas Inspiration gesucht.
        Und auch, wenn ich nicht mit einer Engelkurzgeschichte anfangen werde, hat mich deine Geschichte trotzdem kurz zum Nachdenken gebracht, ob sich mit einem so vermeintlich kitschigen Thema nicht doch etwas richtig Unterhaltsames rauskitzeln lassen würde.
        Oder, kurz, damit ich nicht falsch verstanden werde: dafür, dass das Thema für dich ungewohnt ist und überhaupt nicht meins, hat mich deine Story echt angesprochen. Weiter so! (Im Sinne von: ich schau definitiv nochmal bei dir rein und lese mir noch mehr durch, wenn ich wieder wach genug dafür bin)

        Gefällt 1 Person

      • Haha, Inspiration ist immer gut! ; )
        Vielleicht wären dann meine Schreib-Prompts etwas für dich?!

        Ja, ich mag keine kitschigen Geschichten – meistens wird es bei mir ein wenig ironisch/sarkastisch. »Meine Engel« teilen diese Neigung scheinbar. ; )

        Danke dir für das Kompliment. Das freut mich natürlich.
        (Obwohl Kurzgeschichten für mich eigentlich nur Zwischendurch-Übungen sind – mein Fokus liegt doch auf meinen Romanen und längeren Projekten.)

        Liebe Grüße,
        Jaelaki

        Gefällt mir

  3. Das Thema ist zwar völlig unpassend, aber ich musste unweigerlich an einen der Shinigamis aus Death Note denken, der sich in diese eine Frau verliebte und dafür sein eigenes Dasein letztendlich aufgab, um sie zu retten.
    Kam mir plötzlich einfach so in den Sinn 😀 Witzig, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um Schutzengel (Ich hoffe ich habe das richtig aufgefasst) handelt, während Shinigamis Todesgötter sind.
    Aber beide wachen auf ihre Art und Weise.
    So, Fokus auf die Geschihcte.
    Ich bin eigentlich jemand, der sich schwer für „die Seite des Lichts“ (bestes Synonym) begeistern lässt. Eher das Düstere, ist meistens spannender.
    Aber (!!!!!11elf!!), sarkastische Engel sind eine feine Abwechslung. Ich mag, wie du das Ganze dargestellt hast und ich mag diese „Mentor-Lehrling“ Beziehung. Und dafür, dass es Engel sind (also auf auf die „hohe Ebene“ bezogen) klingen sie dennoch menschlich.
    Interessanter Ansatz. Flüssig zu lesen, wie gewohnt von dir 😉 Mag ich sehr.
    Freue mich darauf mehr von dir zu lesen, ob Gewohntes oder Neues 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Ich liebe Death Note, also gar kein Problem. ; ))
      Uh, warum erinnere ich mich nicht mehr daran? (Ich würde sagen Zeit für einen Death-Note-»ich-schaue-mir-alle-Folgen-hintereinander-weg-an«-Abend.) ; -D
      Ich musste zwischendurch an diesen einen Film denken – wie heißt er nochmal? – Stadt der Engel?!
      Tatsächlich sind es weniger Schutzengel (immerhin stirbt die Frau ja), als Todesengel – aber du hast wahrscheinlich Recht mit dem Schutzengel-Anteil (immerhin begleitet er sie ja schon ihr Leben an). So gesehen könnte man überlegen: Welchen Zweck hat seine Begleitung? Ist er passiv, während ihres Lebens? Oder beschützt er sie? (Alles natürlich Fragen, die in der Kurzgeschichte nicht beantwortet werden.)

      Ich bin auch so jemand. Mich zieht das Düstere und Makabere irgendwie an.
      Deswegen war es für mich auch eine Herausforderung, die beiden nicht zu düster und dämonisch zu gestalten. Ich denke, ich verstehe dich da gut – allerdings wäre NUR düster und NUR »böse« auch auf lange Sicht langweilig, finde ich. ; )

      Oh, danke! : 3
      Dein Lob freut mich! ; ))

      ~LG Jaelaki

      Gefällt mir

      • Dann wünsche ich dir sehr viel Spaß bei deinem Death Note Marathon😀
        Den Film kenne ich gar nicht – muss ich mich mal informieren.
        Ja, so meinte ich das mit der „Wache“ auch. Letztendlich schätze ich ist es sogar egal ob nun Schutz- oder Todesengel. Und mir ist es auch eher passiv vogekommen – zumindest bis zu dem Teil, in dem sie gestorben ist und die irdische Welt verlassen hat. Erst dann hatten sie ja die Möglichkeit aktiv zu werden.

        „Nur Böse“ und „nur gut“ ist auch öde. Um bestimmt zu Handeln muss man ja Gründe haben – vorausgesetzt man besitzt ein funktionsfähiges Hirn.
        Düsteres, das aus dem Trüben des Guten entsteht, oder so. Irgendeine Geschichte, die erst zu so einem Verhalten führt.
        Dann wirds erst richtig interessant und spannend. Aber das muss ich dir sicher nicht sagen😀

        Gefällt 1 Person

  4. Dann wünsche ich dir sehr viel Spaß bei deinem Death Note Marathon 😀
    Den Film kenne ich gar nicht – muss ich mich mal informieren.
    Ja, so meinte ich das mit der „Wache“ auch. Letztendlich schätze ich ist es sogar egal ob nun Schutz- oder Todesengel. Und mir ist es auch eher passiv vogekommen – zumindest bis zu dem Teil, in dem sie gestorben ist und die irdische Welt verlassen hat. Erst dann hatten sie ja die Möglichkeit aktiv zu werden.

    „Nur Böse“ und „nur gut“ ist auch öde. Um bestimmt zu Handeln muss man ja Gründe haben – vorausgesetzt man besitzt ein funktionsfähiges Hirn.
    Düsteres, das aus dem Trüben des Guten entsteht, oder so. Irgendeine Geschichte, die erst zu so einem Verhalten führt.
    Dann wirds erst richtig interessant und spannend. Aber das muss ich dir sicher nicht sagen 😀

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s