Sieg und Niederlage

Die folgende Geschichte ist eine Flash Fiction-Story zu dem Prompt der Woche (16.05.-22.05.16).


Sie stand noch.

Als er vor ihr lag, das Blut von der Hand abwischte – nicht sein eigenes – wusste sie, dass es vorbei war. In diesem Moment, in dem er sie anschaute.

»Herzlichen Glückwunsch«, schnarrte er und sie hörte sein höhnisches Grinsen in seinen Worten, obwohl er vor ihr kniete, Blut und Schlamm verschmiert in seinem Gesicht.

»Du lebst. Ausgerechnet du. Wer hätte es gedacht?«

Ihre Knie zitterten, in ihrem linken Arm breitete sich ein Taubheitsgefühl aus und das Blut lief ihr ins rechte Auge. Aber sie stand.

»Hat es sich gelohnt?«, spöttelte er.

Sie wollte schreien, ihm ins Gesicht schreien, dass sich jeder Schritt auf ihrem Weg, jedes Opfer lohnte. Dass eine Minnelin niemals zurückschaute, sondern immer nach vorne. Dass sie niemals bereuen, sondern bekommen würde, was ihr zustand.

»Es ist mein Recht. Es ist mein Sieg«, krächzte sie und hob ihre Rechte, um ihm den letzten Spott aus den Augen zu rauben.

Aber hier stand sie, zwischen ihren gefallenen Untergebenen. Ihr Weg gepflastert von den Opfern ihrer Freunde. Jeder Sieg thronte auf einer ihrer Leichen.

Kälte strömte durch ihren Körper, floss von ihrer Mitte durch ihren Arm und sammelte sich in ihrer Faust, wo ein bläuliches Licht entzündete, wie das einer Kerze, nur eiskalt. Es tanzte um ihre Finger, zischte, als wartete es darauf, den Mann vor ihr zu verschlingen.

»Letzte Worte?«, spie sie ihm ins Gesicht.

Er verzog seine Lippe zu einem grimmigen Lächeln.

»Du wirst es bereuen. Du wirst nicht gewinnen.«

»Ich habe bereits gewonnen«, widersprach sie und der Zorn kroch über ihre Wangen, färbte sie rot unter all dem Dreck und Blut.

Er sagte nichts mehr, sondern schrie, während die eisigen Flammen ihn verzehrten, doch sein höhnisches Lachen, kurz vor seinem letzten Augenblick, hallte ihr noch Jahre später in den Ohren.


Sie saß dort und starrte in den Himmel.

»Glaubst du, es hat sich gelohnt?«, fragte sie und schüttelte dann den Kopf.

»Du hast gesagt, es wäre mein Recht. Du hast gesagt, dass Siege immer etwas kosten. Dass Freiheit kostet. Dass das Leben kostet. Aber dass es sich am Ende lohnt.«

Sie warf dem Denkstein einen finsteren Blick zu, starrte die Buchstaben an, die dort hinein gemeißelt standen.

»Ich habe gewonnen. Jetzt beginnt die Zeit, von der du immer geschwärmt hast«, murmelte sie, strich über seinen Namen und erhob sich.

Sie stand dort und sie glaubte ihren eigenen Worten nicht.


© Jaelaki Mai 2016

 

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Ein Gedanke zu “Sieg und Niederlage

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