Prolog | Fünf Jahre später

Ludwigsberger Rundschau am 23.07.2011

Vermisst: Julian Müting

Geburtstag am 4. Juni 1992, gefärbtes Haar (blau), ca. 153 cm, sehr schlank. Zuletzt getragen: schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt und Gürtel mit Nieten.

Hinweise bitte an die polizeiliche Dienststelle in Domino.

0213/19931012

Der 19-jährige Schüler Julian Müting aus Domino wird seit Samstagmorgen vermisst. Der junge Mann hatte am Freitagabend an einem Sommerfest der Nikolai-Werner-Gesamtschule teilgenommen. Gegen 2.30 Uhr war er dort von Mitschülern zum letzten Mal gesehen worden.

5 Jahre später

Sie kneift die Augen zusammen, als jemand mit einem Ruck den Vorhang zurückreißt und sich das Tageslicht über das Bett ergießt, dreht sich um, schaut auf den Wecker, dessen Display sieben Uhr schreit, und murmelt »Arsch« und »Geldsack«.

Etwas trifft sie am Kopf. Mit einem »Hey! Was zur –« fährt sie hoch und funkelt die Silhouette an, die wie ein Schatten gegen das Licht durch die wandhohen Fenster erscheint.

»Lies.«

Silas Kaisers Angewohnheit, alles in Befehlsform zu formulieren, provoziert sie zu der Erwiderung, er könne sie mal und er solle sie wecken, wenn es Mittagessen gebe.

»Welling«, knurrt Kaiser, »lies den verdammten Artikel!«

Etwas in seiner Stimme lässt ihre Augenlider doch wieder einen Spalt breit öffnen und als sie sieht, wie sich Silas Kaiser durch das Haar fährt und seine ordentlichen Strähnen damit zum Abstehen bringt, greift sie nach der Zeitung und liest.

Mit jeder Zeile jagt eine Welle Kälte, gefolgt von Hitze durch ihre Adern. Ihre Augen weiten sich, während sie mit der Übelkeit kämpft, die ihre Lungen hinaufwandert.

»Ludwigsberger Rundschau am 23.01.2016

Mordfall in Ludwigsberg«, das Bild einer Villa prangt unter dem Titel, Polizei- und Krankenwagen stehen vor der Mauer, die das Gelände umschließt. »Die Identität der Leiche, die in einer Villa von Pegasus Games Gründer Peter Kaltner gefunden wurde, ist geklärt. Der junge Mann war seit Sommer 2011 vermisst worden.«

Ihr Hals zieht sich zusammen. Sie glaubt, keine Luft zu bekommen, während bunte Pünktchen vor ihren Augen zu tanzen beginnen. Sie blinzelt, versucht tief durchzuatmen, aber da ist ein Loch in ihren Lungen.

»Ein Sprecher der Polizei teilte mit, es handele sich um einen 19-jährigen Schüler, der seit fünf Jahren vermisst wurde. Der junge Mann war nach einem Sommerfest der Nikolai-Werner-Gesamtschule verschwunden. Zur Todesursache wird noch ermittelt, man gehe aber von Mord aus.«

Sie starrt auf das Papier, auf das Bild, auf die Worte, die vor ihm verschwimmen. Das Bett dreht sich. Ihr Blick wandert zu Kaiser, als gebe es nur ihn, doch in ihrem Kopf hämmern die Worte der Zeitung. Als brauche sie seinen Halt, aber es gibt keinen. Kaiser bewegt sich nicht, macht keinen Schritt auf sie zu, das macht er nie, aber er ist da. Sie schauen sich an, als kommunizieren sie ohne Worte, als brauchen sie es nicht laut aussprechen, aber vielleicht zeugt das auch nur von ihrer Ignoranz.

Kaiser durchschnitt die Stille als erster, so wie sie immer überall der erste sein möchte, und Johanna Welling wendet ihren Blick ab, als habe sie sich an Kaiser verbrannt.

»Du bist vor dem Mittagsessen aus dem Haus«, ordnet er an.

»Aber es gibt Lasagne«, erwidert Johanna, als sei das ein plausibles Gegenargument und schaut ihn vorwurfsvoll an. Ihr Magen rebelliert, als ihr Blick wieder über die Zeitung schweift. Kaiser lässt sich nicht einmal zu einer Antwort herab, fixiert sie nur, als sei sie unidentifizierbarer Dreck, der an seinen Schuhen hängt. Johanna kennt diesen Blick, aber ein schiefes Grinsen breitet sich auf ihren Lippen aus, das sich anfühlt, als ziehe jemand Fremdes ihre Lippen nach oben.

»Das heißt, die ganze – Geschichte –«, ihre Stimme klingt, als höre sie sich selbst durch ein Telefon, »ist endlich – vorbei.«

Kaisers Blick streift ihr Gesicht, dann die Zeitung, die noch immer in Johannas Fingern liegt, aber er antwortet nicht, hebt nur seine Augenbrauen und dreht sich um. Sein Mantel bauscht sich dabei hinter ihm auf und Johannas Blick folgt ihm bis zur Tür. Dort hält er inne.

»Diese Geschichte ist erst vorbei, wenn Kaltner das Spiel verliert.«

Kaisers Mimik bleibt unberührt, als spreche er von Geschäften, die ihn nicht interessieren, doch in seinem Ton klirrt Kälte. Johanna schweigt und blickt zurück auf die Zeitung.

»Wann glaubst du, nehmen sie Kaltner fest? Vor oder nach dem Mittagessen?«, murmelt sie und bringt Kaiser zum Schnauben.

»Sie haben ihn schon mit auf das Polizeipräsidium genommen. Ich schätze, er ist noch vor dem Mittagessen wieder draußen.«

Johanna hakt nicht nach, woher Kaiser die Information bezüglich Peter Kaltner erlangt hat. Solche Fragen stellt sie schon lange nicht mehr. Stattdessen wirft sie die Decke zurück und zieht sich das Shirt, auf dessen linker Brustseite die Initialen KC gestickt sind, über den Kopf, während sie durch Kaisers Schlafzimmer Richtung Bad trottet. Sie spürt, wie Kaisers Blick über ihren Körper wandert.

»Ich würd dich ja fragen, aber du hast ja eine Firma zu leiten«, redet Johanna vor sich hin, zuckt mit den Achseln und schaut erst als sie den Satz beendet über die Schulter zu Kaiser. Dessen Finger liegen auf der Türklinke, doch ihr Blick versenkt sich in Johannas.

»Oder willst du trotzdem auch kommen

Als Johanna mit den Augenbrauen wackelt, atmet Kaiser tief durch, massiert seine Nasenwurzel, ein Symptom von Anspannung und Ungeduld, reißt dann die Tür auf und verschwindet ohne ein weiteres Wort. Manche Antworten liefert Kaiser wortlos.

Sechs Stunden später schiebt Johanna ihre Lasagne auf dem Teller herum, während sie immer wieder Juli vor sich sieht. Julis Lachen. Julis Blick. Juli. Sie weiß noch, wie er geklungen, wie er geschaut, wie sein Lachen in Johannas Bauch vibriert hat. Vielleicht verschwimmen Erinnerung und Phantasie inzwischen aber auch so, dass Johanna sich gewundert hätte, hätte sie Julis Lachen noch ein einziges Mal in der Realität hören dürfen. Als Kaisers Angestellte ihr mit einer Entschuldigung auf den Lippen einen Brief zuschiebt, zuckt sie zusammen.

»An Johanna Welling von J.«, steht in gedruckten Buchstaben auf dem Papier. Sie erstarrt, vergewissert sich, dass sie niemand beobachtet, liest wieder und wieder die Zeile und öffnet den Umschlag mit zittrigen Fingern. In ihrem Kopf brüllt die Leere. Das Rascheln des Papiers füllt den Raum, als sie es herauszieht und auffaltet und fallen lässt.

»Liegst du immer noch oder schon wieder in seinem Bett?

Fast wie ein Deja-Vu.

Ich weiß noch immer, wo du in jener Nacht warst.

Erinnerst du dich, Jojo?

J.«

In diesem Moment klingelt ihr Smartphone.

[Fortsetzung folgt.]

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