Der Fremde vor der Tür

Das war schon immer sein Problem. Er fragte nicht. Er nahm.

Ich wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, am liebsten ins Gesicht und ihm dabei seine perfekte Nase brechen. Aber ich stand nur da und dann nickte ich, obwohl ich den Kopf schütteln wollte.

Und das war meines. Ich ließ ihn.

Warnings: Ab 16 Jahren empfohlen.
Andeutung sexueller Handlungen

© Jaelaki


der fremde vor der tür

Unser Problem

Mir gefror das Lächeln auf den Lippen.

Ich starrte ihn an, die Türklinke in der Hand und die Zeit dehnte sich aus. Wie ein Gummi. Ich wartete, bis es zurückschnellte, wartete auf den brennenden Schmerz.

»Darf ich hereinkommen?«, fragte mich der Mann vor meiner Wohnung, ohne dass er den Anstand hatte, es wie eine Frage klingen zu lassen.

Nein. Nein, darfst du nicht. Verschwinde. Hau ab. Hau ab!

Das war schon immer sein Problem. Er fragte nicht. Er nahm.

Ich wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, am liebsten ins Gesicht und ihm dabei seine perfekte Nase brechen. Aber ich stand nur da und dann nickte ich, obwohl ich den Kopf schütteln wollte.

Und das war meines. Ich ließ ihn.

»Du hast nicht auf meine Nachricht geantwortet«, sagte er und es klang nicht einmal nach einem Vorwurf, nur nach einer gelangweilten Bestätigung, dass er es durchaus mitbekommen hatte. Als würde er über meine Ignoranz wohlwollend hinwegsehen. Dieses eine Mal. Als wäre dieses Spiel damit beendet, weil er keine Lust mehr darauf hatte. Als wäre es seinSpiel. Seine Regeln.

Ich hab sie gelöscht, du Arsch. Ohne sie zu lesen.

»Du hast Schluss gemacht«, erwiderte ich trocken. »Vor gut einem Jahr.«

Und vor zwei. Und vor vier.

Erinnerst du dich? Du hast gesagt, es wäre besser so. Besser für uns.

Da war das Brennen. Das Brennen, das meinen Würgereflex auslöste.

Aber du hast dich gemeint.

Das war das andere Problem. Es ging um ihn. Immer um ihn.

Penner, verschwinde! Raus! Verpiss dich und lass mich in Ruhe!

Er schaute mich einen Augenblick an, als wöge er ab. Doch dann schaute er an mir vorbei.

»Ich habe Durst«, sagte er, während er mir seinen Mantel in die Hand drückte und durch den Gang ins Wohnzimmer schritt.

Ich bin drüber weg! Ich brauche dich nicht! Raus!

Ich biss die Zähne zusammen, ließ seinen Mantel einfach auf den Boden fallen, stolperte darüber hinweg und ballte die Finger zu Fäusten.

Ich hasse dich nicht einmal mehr! Du bist mir egal!

»Ich habe –«, er stand mitten im Raum und starrte auf den Fernseher, folgte mit seinen Augen den stummen Bildern, dann verstummte auch er.

Mir ist es scheiß egal, was du hast oder nicht.

Ich drehte mich um und atmete tief durch, während ich zum Kühlschrank trottete und eine Flasche Cola aus dem Fach holte, ein Glas aus der Vitrine.

»Ich habe an dich gedacht«, murmelte er und ich spürte seinen Atem in meinem Nacken.

Seit wann?

Mir blieb die Luft weg. Ignorierte das Zittern meiner Finger, während ich einschenkte und fast das Glas umschmiss.

Ich nicht an dich. Du bist ein Fremder für mich.

»Hier trink und dann –«

Er nahm mir das Glas aus der Hand und seine Haut berührte meine. Ich zuckte zurück. Hitze kroch über meine Wangen.

Ich sah auf. Seine Augen blitzen, während er sein Haar zurückstrich. Durch das Eis seiner Augen drang etwas, das mich daran erinnerte, wie es einmal gewesen war. Seine Strähnen, die nun wild von seinem Kopf abstanden.

Was willst du hier?

Das Eis seines Blickes schmolz und riss die Mauer zwischen uns mit, trug sie ab, Stein um Stein.

»Denkst du ab und zu an uns? Wie es gewesen ist?«

Nein. Niemals. Vergessen. Zugeschlossen und weitergegangen. Hör auf, mich so anzusehen.

»Wie es jetzt wäre, wenn –«

Ich umklammerte die Küchentheke mit meinen Fingern, hielt mich, weil ich befürchtete, zusammenzubrechen.

Sag es nicht. Sprich es nicht aus. Es ist vorbei. Geh wieder. Hör auf.

Statt zu sprechen, tasteten seine Finger über meinen Arm, als testete er, ob ich auseinanderfiele. Er strich über meine Wange.

Geh weg.

»Darf ich –«

Er legte seinen Finger unter mein Kinn und ich schaute ihn von unten her an.

»Denkst du manchmal, wie es sich anfühlen würde?«, hauchte er und zog mich an sich, murmelte etwas gegen meine Schläfe, das ich nicht verstand.

Ich hielt den Atem an.

»Alles zu vergessen«, wiederholte er. »Und neu anzufangen?«

Ich habe so oft versucht, alles zu vergessen.

Seine Hand geisterte über meinen Rücken, seine Finger wanderten meinen Bauch hinab. Ich zog die Luft ein, als ich ihn in meinem Slip spürte und kniff die Augen zusammen. Mein Atem sprang.

Ich erinnerte mich. Seine Hitze lullte mich ein, Versprechen und Worte, Blicke und Spiele. Spiele, die ich immer verlor und trotzdem immer weiter spielte. Es war besser zu verlieren, als gar nicht zu spielen. Es war besser als nichts.

»Ich liebe dich«, murmelte er und mir gefror das Lächeln auf der Lippe und die Zeit dehnte sich aus und in meinem Kopf hämmerte die Frage, was das schon wäre.

Liebe?

Ich antwortete nicht, griff mit beiden Händen in seinen Nacken und zog ihn zu mir.

Meine Lippen auf seinen. Keine Zärtlichkeit, nur besser als Schmerz. Betäubungsmittel.

Er drängte mich gegen den Kühlschrank, riss meine Shorts hinunter, griff unter dem Shirt nach meinem Busen und ich erinnerte mich, wie es gewesen war.

Das war schon immer mein Problem.

Sein Lächeln und sein Lachen, das tief in mir vibrierte. Versprechen, Hoffnungen, Träume. Wir lagen im Gras und vor uns die Zukunft, die wir in den Himmel malten.

Seine Finger tasteten über meine Schenkel, er presste sich gegen mich, hart und fordernd.

Lass es mich vergessen. Lass es uns vergessen.

Seine Finger drangen ein und ich drängte mein Gesicht an seinen Oberkörper, an sein Shirt, das noch immer nach Versprechen, Hoffnungen und Träumen roch. Ich krallte mich an ihn. Hitze waberte über meine Haut, das Geräusch unseres Rhythmus, das den meines Herzens überschrie.

Ich bin drüber weg! Ich brauche dich nicht! Raus!

Ich kam ihm entgegen, als er immer wieder in mich eindrang und ich erinnerte mich, wie es war.

Ich hasse dich nicht einmal mehr! Du bist mir egal!

Sein Atem kam in Stößen, genauso wie er.

Er zog sich zurück und stand vor mir mit der Hose in den Kniekehlen, sein Haar wie ein Sturm und die Lippen gerötet. In seinem Blick klirrte Eis, als er seinen Hosenschlitz schloss.

Das Problem ist, du kannst nie vergessen.

Flüssigkeiten glitten meinen Innenschenkel hinab und ich zog meinen Slip hoch, schaute den Mann nicht an.

Du kannst nie von vorne anfangen.

Ich erinnerte mich, wie es gewesen war.

Das war schon immer mein Problem.

Seine Kälte und Rücksichtslosigkeit, die mich mit Wunden zurückließ, die niemand sehen konnte. Versprechen, Hoffnungen, Träume. Wir standen in der Küche und hinter uns die Vergangenheit, die uns in den Abgrund stürzte. Mit jedem Mal ein wenig mehr.

Ein Fremder, der aussieht, wie jemand, den ich einmal geliebt habe.

»Ich hasse dich«, murmelte ich.

Er schaute mich an, als wöge er etwas ab.

Und als er sprach, klang es nicht einmal nach einem Vorwurf.

»Ich weiß.«

– Ende –


 

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Ein Gedanke zu “Der Fremde vor der Tür

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